The Project Gutenberg eBook of Hinzelmeier: eine nachdenkliche Geschichte
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Title: Hinzelmeier: eine nachdenkliche Geschichte
Author: Theodor Storm
Release date: September 1, 2005 [eBook #8915]
Most recently updated: January 2, 2021
Language: German
Credits: Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HINZELMEIER: EINE NACHDENKLICHE GESCHICHTE ***
Hinzelmeier: eine nachdenkliche Geschichte
["Storm, Theodor"]
2005-09-01
2021-01-02
Unknown
de
"Hinzelmeier: eine nachdenkliche Geschichte" by Theodor Storm is a thoughtful tale written during the late 19th century. This work can be classified as a fictional novel that delves into themes of youth, beauty, and the passage of time. The story likely reflects the importance of family heritage and the implications of seeking eternal youth. The narrative revolves around a boy named Hinzelmeier, who lives with his eternally youthful parents, the beautiful Frau Abel and Herr Hinzelmeier. He often wonders about the mysterious events surrounding his family, especially regarding the enigmatic rose and the secretive passage through the wall his mother uses. As they share secrets of a magical Rosengarten, Hinzelmeier is drawn into a world filled with roses that bestow eternal youth. Throughout his journey, he meets various characters, including the Rosenjungfrau and a whimsical figure named Kasperle. Striving to find the elusive Stone of Wisdom, the tale weaves through themes of love, sacrifice, and the quest for knowledge, culminating in a bittersweet conclusion that explores the essence of life and the acceptance of mortality. (This is an automatically generated summary.)
Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
This Etext is in German.
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Hinzelmeier
beim Theodor Storm
Eine nachdenkliche Geschichte
Die weiße Wand
Der Zipfel
Die Rose
Krahirius
Der Eingang zum Rosengarten
Ein Meisterschuß
Die Rosenjungfrau
Nachbars Kasperle
Der Stein der Weisen
Die weiße WandDie weiße Wand
In einem alten weitläufigen Hause wohnten Herr Hinzelmeier und die schöne
Frau Abel: sie waren nun schon ins zwölfte Jahr verheiratet, ja die Leute
in der Stadt zählten ihnen nach, daß sie zusammen schon fast an die
achtzig Jahre auf dem Nacken hätten und noch immer waren sie jung und
schön und hatten weder ein Fältchen vor der Stirn, noch ein Hahnepfötchen
unter den Augen. Daß dies nicht mit rechten Dingen zugehe, war nun
freilich klar genug und wenn die Hinzelmeierschen aufs Tapet kamen, so
tranken die Stadtkaffeetanten drei Näpfchen mehr als am ersten
Ostersonntagnachmittage. Die Eine sagte: "Sie haben einen Jungbrunnen im
Hofe!" Die Andere sagte: "Es ist eine Jungfernmühle!" Die Dritte sagte:
"Ihr Bube, das Hinzelmeierlein, ist mit einer Glückshaube auf die Welt
gekommen und nun tragen die Alten sie wechselweise, Nacht um Nacht!" Das
kleine Hinzelmeierlein dachte nun freilich nicht dergleichen; es kam ihm
im Gegenteil ganz natürlich vor, daß seine Eltern immer jung und schön
waren; aber gleichwohl bekam auch er sein Nüßchen, das er vergeblich zu
knacken suchte.
Eines Herbstnachmittags, da es schon gegen das Zwielicht ging, saß er in
dem langen Korridor des oberen Stockwerks und spielte Einsiedler; denn
weil die silbergraue Katze, welche sonst bei ihm zur Schule ging, eben in
den Garten hinabgeschlichen war, um nach den Buchfinken zu sehen, so hatte
er mit dem Professorspiel für heute aufhören müssen. Er saß nun als
Einsiedler in einem Winkel und dachte sich Allerhand, wohin wohl die Vögel
flögen und wie die Welt draußen wohl aussehen möge und noch viel
Tiefsinnigeres; denn er wollte der Katze darüber auf den andern Tag einen
Vortrag halten--als er seine Mutter, die schöne Frau Abel, an sich
vorübergehen sah. "Heisa, Mutter!" rief er; aber sie hörte ihn nicht,
sondern ging mit raschen Schritten an das Ende des Korridors; hier blieb
sie stehen und schlug mit dem Schnupftuch dreimal gegen die weiße Wand.
--Hinzelmeier zählte in Gedanken "eins"--"zwei" und kaum hatte er "drei"
gezählt, als er die Wand sich lautlos öffnen und seine Mutter dadurch
verschwinden sah; kaum konnte der Zipfel des Schnupftuches noch mit
hindurchschlüpfen, so ging alles mit einem leisen Klapp wieder zusammen
und der Einsiedler dachte nun auch noch darüber nach, wohin doch wohl
seine Mutter durch die Wand gegangen sei. Darüber ward es allmählich
dunkler und das Dämmern in seinem Winkel war schon so groß geworden, daß
es ihn ganz verschlungen hatte, da machte es, wie zuvor, einen leisen
Klapp, und die schöne Frau Abel trat aus der Wand wieder in den Korridor
hinein. Ein Rosenduft schlug dem Knaben entgegen, wie sie an ihm
vorüberstrich. "Mutter, Mutter!" rief er; aber er hielt sie nicht zurück;
er hörte, wie sie die Treppe hinab und in das Zimmer des Vaters ging. Wo
er am Vormittag sein Schaukelpferd an den messingenen Ofenknopf gebunden
hatte. Nun hielt es ihn nicht länger, er sprang durch den Korridor und
ritt wie der Wind das Treppengeländer hinab. Als er ins Zimmer trat, war
es voller Rosenduft und es schien ihm fast, als wäre seine Mutter selber
eine Rose, so leuchtend war ihr Antlitz. Hinzelmeier wurde ganz
nachdenklich.
"Liebe Mutter", sagte er endlich, "weshalb gehst du denn immer durch die
Wand?"
Und als Frau Abel hierauf verstummte, sagte der Vater: "Ei nun, mein Sohn,
weil die anderen Leute immer durch die Tür gehen."
Das war dem Hinzelmeier schon einleuchtend; bald aber wollte er mehr
erfahren.
"Wohin gehst du denn, wenn du durch die Wand gehst", fragte er weiter,
"und wo sind die Rosen?"
Aber ehe er sich's versah, hatte der Vater ihn kopfüber aufs Schaukelpferd
gestülpt und die Mutter sang das schöne Lied:
"Hatto von Mainz und Poppo von Trier
Ritten zusammen aus Lünebier;
Hatto hott hott! immer im Trott!
Poppo hopp hopp! immer Galopp!
Eins, zwei, drei!
Zelle vorbei;
Eins, zwei, drei, vier!
Nun sind wir schon hier."
"Bind es los! bind es los!" rief Hinzelmeier; und der Vater band das
Rößlein vom Ofenknopf und die Mutter sang und der Reiter ritt hopp hinauf
und hopp hinab und hatte bald alle Rosen und weißen Wände in der ganzen
Welt vergessen.
Der ZipfelDer Zipfel
Nun gingen manche Jahre hin, ohne daß Hinzelmeier eine Wiederholung des
Wunders erlebt hätte; er dachte daher auch überall nicht mehr daran,
obgleich seine Eltern jung und schön blieben, wie sie es immer gewesen
waren und oftmals auch im Winter der wunderbare Rosenduft sie umgab.
In dem einsamen Korridor des oberen Stockwerks war Hinzelmeier jetzt nur
selten noch zu finden; denn die Katze war vor Alter gestorben und so war
seine Schule aus Mangel an Schülern von selber eingegangen.
Es war ihm nun schon fast so, als müßte um einige Jahre der Bart zu
wachsen anfangen; da ging er eines Nachmittags wieder in den alten
Korridor hinauf, um die weißen Wände zu besichtigen, denn er wollte auf
den Abend das berühmte Schattenspiel "Nebukadnezar und sein Nußknacker"
zur Aufführung bringen. In dieser Absicht war er an das Ende des Ganges
gekommen und betrachtete die weiße Querwand von oben bis unten, als er zu
seiner Verwunderung den Zipfel eines Schnupftuches daraus hervorhängen sah.
Er bückte sich, um es genauer zu betrachten; in der Ecke stand: 'A.H.';
das konnte nichts anderes heißen als: 'Abel Hinzelmeier'; es war das
Schnupftuch seiner Mutter. Nun fing's in seinem Kopfe an zu schnurren und
die Gedanken arbeiteten rückwärts, weiter und weiter, bis sie bei dem
ersten Kapitel dieser Geschichte plötzlich Halt machten. Hierauf suchte
er das Schnupftuch aus der Wand herauszuziehen, was ihm auch nach einem
etwas schmerzhaften Experimente glücklich gelang; dann schlug er, wie
einst die schöne Frau Abel, dreimal mit dem Tuche gegen die Wand; und
"eins--zwei--drei--!" tat sie sich lautlos von einander, Hinzelmeier
schlüpfte hindurch und stand--wohin er am wenigsten zu gelangen
dachte--auf dem Hausboden. Aber es war nicht daran zu zweifeln; dort
stand der Urgroßmutterschrank mit den wackelköpfigen Pagoden, daneben
seine eigne Wiege und weiterhin das Schaukelpferd, lauter ausgedientes
Gerät; unter dem Balken längs an eisernen Haken hingen wie immer des
Vaters lange Mäntel und Reisekragen und drehten sich langsam um sich
selbst, wenn der Zug durch die offenen Bodenluken hereinstrich.
"Sonderbar!" sagte Hinzelmeier, "warum ging die Mutter denn doch immer
durch die Wand?" Da er indessen außer den bekannten Gegenständen nichts
bemerken konnte, so wollte er durch die Bodentür wieder ins Haus
hinabgehen. Allein die Tür war nicht da. Er stutzte einen Augenblick und
meinte anfänglich, sich nur geirrt zu haben, weil er von einer anderen
Seite, als gewöhnlich, hinaufgelangt war. Er wandte sich daher und ging
zwischen die Mäntel durch nach dem alten Schranke, um sich von hier aus
zurechtzufinden; und richtig! dort gegenüber war die Tür; er begriff nicht,
wie er sie hatte übersehen können. Als er aber darauf zuging, erschien
ihm plötzlich wieder alles so fremd, daß er zu zweifeln begann, ob er auch
vor der rechten Tür stehe. Allein so viel er wußte, gab es hier keine
andere. Was ihn am meisten verwirrte, war, daß die eiserne Klinke fehlte
und auch der Schlüssel abgezogen war, der sonst immer aufzustecken pflegte.
Er legte daher sein Auge an das Schlüsselloch, ob er vielleicht Jemanden
auf der Treppe oder dem Vorplatz gewahren könne, der ihn herabließe. Zu
seinem Erstaunen sah er aber nicht auf die dunkle Treppe, sondern in ein
helles, geräumiges Zimmer, von dessen Dasein er bisher keine Ahnung gehabt
hatte.
In der Mitte desselben gewahrte er einen pyramidenförmigen Schrein, der
von zwei goldschimmernden Türen verschlossen und mit wunderlicher
Schnitzarbeit verziert war. Hinzelmeier wußte nicht recht, ob das enge
Schlüsselloch seinen Blick verwirrte, aber es war ihm fast, als wenn die
Gestalten der Schlangen und Eidechsen in der braunen Laubgirlande, welche
sich an den Kanten hinunterzog, auf und ab raschelten, ja mitunter sogar
die geschmeidigen Köpfe auf den Goldgrund der Tür hinüberreckten. Dies
alles beschäftigte den Knaben so, daß er nun erst die schöne Frau Abel und
ihren Eheherrn bemerkte, welche mit geneigtem Haupte vor dem Schreine
niedergekniet waren. Unwillkürlich hielt er den Atem an, um nicht bemerkt
zu werden; und nun hörte er die Stimmen seiner Eltern in leisem Gesange:
Rinke, ranke, Rosenschein,
Tu dich auf, du goldner Schrein!
Tu dich auf und schließ uns ein,
Rinke, ranke, Rosenschein!
Während des Gesanges erstarrte in dem Laubwerk das Leben des Gewürmes; die
goldenen Türen gingen langsam auf und zeigten in dem Innern des Schrankes
einen kristallenen Becher, in welchem eine halberschlossene Rose auf
schlankem Schafte stand. Allmählich öffnete sich der Kelch; weiter und
weiter, bis eins der schimmernden Blätter sich ablöste und zwischen die
Knieenden hinabfiel. Ehe es aber den Boden erreichte, zerstob es klingend
in der Luft und füllte das Gemach mit rosenrotem Nebel. Ein starker
Rosenduft quoll durch das Schlüsselloch; der Knabe preßte sein Auge an die
Öffnung, aber er gewahrte nichts, als dann und wann ein Leuchten, das in
der roten Dämmerung aufbrach und wieder verschwand. Nach einer Weile
hörte er Schritte an der Tür; er wollte aufspringen, aber ein heftiger
Schmerz an der Stirn raubte ihm die Besinnung.
Die RoseDie Rose
Als Hinzelmeier aus der Betäubung erwachte, lag er in seinem Bette; Frau
Abel saß neben ihm und hielt seine Hand in der ihren. Sie lächelte, da er
die Augen zu ihr aufschlug und der Abglanz einer Rose lag auf ihrem
Antlitz. "Du hast zu viel erlauscht, um nicht noch mehr erfahren zu
müssen", sagte sie. "Nur darfst du für heute dein Bett nicht verlassen;
aber währenddessen will ich dir das Geheimnis deiner Familie mitteilen.
Du bist jetzt groß genug, um es zu wissen."
"Erzähle nur, Mutter", sagte Hinzelmeier und legte den Kopf zurück in die
Kissen; und dann erzählte Frau Abel:
"Weit von dieser kleinen Stadt liegt der uralte Rosengarten, von dem die
Sage geht, er sei am sechsten Schöpfungstage mit erschaffen worden.
Innerhalb seiner Mauer stehen tausend rote Rosenbüsche, welche nie zu
blühen aufhören; und jedes Mal, wenn in unserem Geschlechte, welches in
vielen Zweigen durch alle Länder der Welt verbreitet, ein Kind geboren
wird, springt eine neue Knospe aus den Blättern. Jeder Knospe ist eine
Jungfrau zur Pflegerin bestellt, welche den Garten nicht verlassen darf,
bis die Rose von dem geholt worden, durch dessen Geburt sie entsprossen
ist. Eine solche Rose, welche du vorhin gesehen hast, besitzt die Kraft,
ihren Eigentümer zeitlebens jung und schön zu erhalten. Daher versäumt
denn nicht leicht Jemand, sich seine Rose zu holen; es kommt nur darauf an,
den rechten Weg zu finden; denn der Eingänge sind viele und oft
verwunderliche. Hier führt es durch einen dicht verwachsenen Zaun, dort
durch ein schmales Winkelpförtchen, mitunter"--und Frau Abel sah ihren
Eheherrn, der eben ins Zimmer trat, mit schelmischen Augen an--"mitunter
auch durch's Fenster!"
Herr Hinzelmeier lächelte und setzte sich neben das Bett seines Sohnes.
Dann erzählte Frau Abel weiter:
"Auf diese Weise wird die größte Zahl der Jungfrauen aus ihrer
Gefangenschaft erlöst und verläßt mit dem Besitzer der Rose den Garten.
Auch deine Mutter war eine Rosenjungfrau und pflegte sechzehn Jahre lang
die Rose deines Vaters. Wer aber an dem Garten vorübergeht ohne
einzukehren, der darf niemals dahin zurück; nur der Rosenjungfrau ist es
nach dreimal drei Jahren gestattet, in die Welt hinaus zu gehen, um den
Rosenherrn zu suchen und sich durch die Rose aus der Gefangenschaft zu
erlösen. Findet sie in dieser Zeit ihn nicht, so muß sie in den Garten
zurück und darf erst nach wiederum dreimal drei Jahren noch einmal den
Versuch erneuern; aber Wenige wagen den ersten, fast Keine den zweiten
Gang; denn die Rosenjungfrauen scheuen die Welt und wenn sie ja in ihren
weißen Gewändern hinausgehen, so gehen sie mit niedergeschlagenen Augen
und zitternden Füßen; und unter hundert solcher Kühnen hat kaum eine
einzige den wandernden Rosenherrn gefunden. Für diesen aber ist dann die
Rose verloren; und während die Jungfrau zu ewiger Gefangenschaft
zurückgegangen ist, hat auch er die Gnade seiner Geburt verscherzt und muß
wie die gewöhnliche Menschheit kümmerlich altern und vergehen.--Auch du,
mein Sohn, gehörst zu den Rosenherren und kommst du in die Welt hinaus,
dann vergiß den Rosengarten nicht."
Herr Hinzelmeier neigte sich zur Frau Abel und küßte ihre seidenen Haare;
dann sagte er, freundlich des Knaben andere Hand ergreifend: "Du bist
jetzt groß genug! Möchtest du wohl in die Welt hinaus und eine Kunst
erlernen?"
"Ja", sagte Hinzelmeier, "aber es müßte eine große Kunst sein; so eine,
die sonst noch niemand hat erlernen können!"
Frau Abel schüttelte sorgenvoll den Kopf; der Vater aber sagte: "Ich will
dich zu einem weisen Meister bringen, der viele Meilen von hier in einer
großen Stadt wohnt; da magst du dir selbst eine Kunst erwählen."
Da war Hinzelmeier zufrieden.
Einige Tage darauf packte Frau Abel einen großen Koffer mit unzählig
vielen Kleidern und Hinzelmeier selber legte noch ein Rasierzeug hinein,
damit er den Bart, wenn er käme, sogleich wieder abschneiden könne. Dann
fuhr eines Tages der Wagen vor die Tür und als die Mutter ihren Sohn zum
Abschied umarmte, sagte sie unter Tränen zu ihm: "Vergiß die Rose nicht!"
KrahiriusKrahirius
Als Hinzelmeier ein Jahr bei dem weisen Meister gewesen war, schrieb er
seinen Eltern, er habe sich nun eine Kunst erwählt, er wolle den? Stein der
Weisen? suchen; nach zwei Jahren werde der Meister ihn lossprechen, dann
wolle er auf die Wanderschaft und nicht eher zurückkehren, als bis er den
Stein gefunden habe. Dies sei eine Kunst, welche noch von Niemandem
erlernt worden; denn auch der Meister sei eigentlich nur ein Altgesell, da
der Stein noch keineswegs von ihm gefunden sei.
Als die schöne Frau Abel diesen Brief gelesen hatte, faltete sie ihre
Finger ineinander und rief: "Ach, er wird nimmer in den Rosengarten kommen!
Es wird ihm gehen wie unseres Nachbarn Kasperle, der vor zwanzig Jahren
ausgezogen und nimmer wieder nach Hause gekommen ist!"
Herr Hinzelmeier aber küßte die schöne Frau und sagte: "Er mußte seinen
Weg gehen! Ich wollte auch einmal den? Stein der Weisen? suchen und habe
statt dessen die Rose gefunden."
So blieb denn Hinzelmeier bei dem weisen Meister; und allmählich ging die
Zeit herum.-Es war schon tief in der Nacht. Hinzelmeier saß vor einer
qualmenden Lampe über einen Folianten gebückt. Aber es wollte ihm heute
nicht gelingen; er fühlte es in seinen Adern klopfen und gären, es
überfiel ihn eine Angst, als könne ihm auf immer das Verständnis für die
tiefe Weisheit der Formeln und Sprüche verloren gehen, welche das alte
Buch bewahrte.
Mitunter wandte er sein blasse Gesicht ins Zimmer zurück und starrte
gedankenlos in den Winkel, wo die grämliche Gestalt seines Meisters vor
einem niedrigen Herde zwischen glühenden Kolben und Tiegeln hantierte;
mitunter, wenn die Fledermäuse an den Scheiben vorüberstrichen, sah er
verlangend in die Mondnacht hinaus, die wie ein Zauber draußen über den
Feldern lag. Neben dem Meister kauerte die Kräuterfrau am Boden. Sie
hatte den grauen Hauskater auf dem Schoß und stäubte ihm sanft die Funken
aus dem Pelz. Manchmal, wenn es so recht behaglich knisterte und das Tier
vor angenehmem Grausen maunzte, langte der Meister liebkosend nach ihm
zurück und sagte hustend: "Die Katze ist die Genossin des Weisen!"
Plötzlich schon von außen her, von der First des Daches, das unter dem
Fenster lag, ein langgezogener, sehnsüchtiger Laut, wie dessen von allen
Tieren nur die Katze und nur im Lenze mächtig ist. Der Kater richtete
sich auf und krallte seine Klauen in die Schürze des alten Weibes. Noch
einmal rief es draußen. Da sprang das Tier mit einem derben Satz auf den
Fußboden und über Hinzelmeiers Schultern durch die Scheiben ins Freie, daß
die Glasscherben klingend hinterdrein stoben.
Ein süßer Primelduft strich mit dem Zug ins Zimmer. Hinzelmeier sprang
empor. "Es ist Frühling, Meister!" rief er und warf seinen Stuhl zurück.
Der Alte senkte seine Nase noch tiefer in den Tiegel. Hinzelmeier ging
auf ihn zu und packte ihn an der Schulter. "Hört Ihr's nicht, Meister?"
Der Meister griff sich in den graugemischten Bart und stierte den Jungen-
blöd durch seine grüne Brille an.
"Das Eis birst!" rief Hinzelmeier, "es läutet in der Luft!"
Der Meister faßte ihn ums Handgelenk und begann die Pulsschläge zu zählen.
"Sechsundneunzig!" sagte er bedenklich.--Aber Hinzelmeier achtete dessen
nicht, sondern verlangte seinen Abschied; und noch in selber Stunde. Da
hieß der Meister ihn Stab und Ranzen nehmen und trat mit ihm vor die
Haustür, von wo sie weit ins Land hineingehen konnten. Die unabsehbare
Ebene lag in klarem Mondenlicht zu ihren Füßen. Hier standen sie still;
das Antlitz des Meisters war gefurcht von tausend Runzeln, sein Rücken war
gebeugt, sein Bart hing tief über seinen braunen Talar hinab; er sah
unsäglich alt aus. Auch Hinzelmeiers Gesicht war bloß, aber seine Augen
leuchteten.
"Deine Zeit ist um", sprach der Meister zu ihm. "Knie nieder, damit du
losgesprochen werdest!" Dann zog er ein weißes Stäbchen aus dem Ärmel und
dem Knieenden dreimal damit den Nacken berührend, sprach er:
"Das Wort ist gegeben
Unter die Geister;
Ruf es ins Leben,
So bist du der Meister.
Vorhanden ist es in keinem Reich.
Es ist ein Name, ein Dunst;
Finden und schaffen zugleich,
Das ist die Kunst!"
Dann hieß er ihn aufstehen. Ein Frösteln durchfuhr den Jüngling, als er
in das greise, feierliche Angesicht des Meisters blickte. Er nahm Stab
und Ranzen vom Boden und wollte von dannen gehen, aber der Meister rief:
"Vergiß den Raben nicht!" Er griff mit der hageren Faust in seinen Bart
und riß ein schwarzes Haar heraus. Das blies er durch die Finger; da
schwang es sich als Rabe in die Luft.
Nun schwenkte er den Stab im Kreise um sein Haupt und wie er schwenkte,
flog der Rabe; dann streckte er den Arm aus und der Vogel setzte sich auf
seine Faust. Hierauf hob er die grüne Brille von seiner Nase; und während
er sie auf des Raben Schnabel klemmte, sprach er:
"Wege sollst du weisen,
Krahirius sollst du heißen!--
Da schrie der Rabe: "krahira! krahira!" und hüpfte mit ausgespreizten
Flügeln auf Hinzelmeiers Schulter. Der Meister aber sprach zu diesem:
"Wanderspruch und Wanderbuch
Hast du nun; und nun genug!"
Dann wies er mit dem Finger in das Tal hinab, wo der unendliche Weg über
die Ebene lief und während Hinzelmeier, mit dem Reisehute grüßend, in die
Frühlingsnacht hinausging, schwang Krahirius sich auf und flog zu seinen
Häupten.
Der Eingang zum RosengartenDer Eingang zum Rosengarten
Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Hinzelmeier hatte einen Richtweg
über ein Feld mit grüner Wintersaat eingeschlagen, das sich unabsehbar vor
ihm ausdehnte. Zu Ende desselben führte der Steig durch eine Öffnung des
Walles auf einen geräumigen Platz hinaus und Hinzelmeier stand vor den
Gebäuden eines großen Bauernhofes. Es hatte zuvor geregnet; nun dampften
die Strohdächer in der herben Frühlingssonne. Er stieß seinen Wanderstab
in den Boden und blickte zum First des Wohnhauses hinauf, wo ein Volk von
Sperlingen sein Wesen trieb. Plötzlich sah er aus einem der beiden weißen
Schornsteine eine glänzende Scheibe in die Luft steigen, sich langsam im
Sonnenscheine wenden und darauf wieder in den Schornstein hinabfallen.
Hinzelmeier zog seine Taschenuhr hervor. "Es ist Mittag!" sagte er, "sie
backen Eierkuchen."--Ein lieblicher Duft verbreitete sich; und wieder
stieg ein Eierkuchen in den Sonnenschein hinauf und sank nach einer kurzen
Weile in den Schornstein zurück.
Der Hunger meldete sich; Hinzelmeier trat ins Haus und gelangte über einen
breiten Flur in eine hohe, geräumige Küche, wie solche in größeren
Gehöften zu sein pflegen. Am Herde, auf dem ein helles Reisigfeuer
brannte, stand eine stämmige Bäuerin und tat den Teig in die zischende
Pfanne.
Krahirius, der lautlos hintendrein geflogen war, setzte sich auf den
Herdmantel, während Hinzelmeier fragte, ob er für Geld und gute Worte eine
Mahlzeit hier bekommen könne.
"Hier ist kein Wirtshaus!" sagte die Frau und schwang ihre Pfanne, daß der
Eierkuchen prasselnd in den schwarzen Schlot hinauffuhr und erst nach
einer ganzen Weile mit der Oberseite in die Pfanne zurückklatschte.
Hinzelmeier griff nach seinem Stecken, den er beim Eintritt an die Tür
gestellt hatte; allein die Alte fuhr mit der Gabel in den Eierkuchen und
stülpte ihn rasch auf eine Schüssel. "Nun, nun!" sagte sie, "so war es
nicht gemeint; setz Er sich nur; hier ist just einer fertig." Dann schob
sie ihm einen hölzernen Stuhl an den Küchentisch und setzte den dampfenden
Kuchen nebst Brot und einem Kruge jungen Landweins vor ihn hin.
Das ließ Hinzelmeier sich gefallen und hatte bald die derbe Speise und ein
gut Teil des festen Roggenbrots verzehrt. Dann setzte er den Krug an den
Mund und tat einen herzhaften Zug auf die Gesundheit der Alten und dann zu
seiner eigenen Gesundheit noch manchen anderen hinterher. Das machte ihn
so vergnügt, daß er ganz wie von selber zu singen anhub. "Er ist ja ein
lustiger Mensch!" rief die Alte von ihrem Herde hinüber. Hinzelmeier
nickte; ihm fielen auf einmal alle Lieder wieder ein, die er vor Zeiten im
elterlichen Hause von seiner schönen Mutter gehört hatte. Nun sang er sie,
eines nach dem andern:
"Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind von Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.
Sie war doch sonst ein wildes Blut,
Nun geht sie tief in Sinnen;
Trägt in der Hand den Sommerhut
Und duldet still der Sonne Glut,
Und weiß nicht, was beginnen.
Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen!"--
Da wurde in der Wand, dem Herde gegenüber, unter den Reihen der blanken
Zinnteller, ein Schiebefensterchen zurückgezogen und ein schönes blondes
Mädchen, es mochte des Hauswirts Tochter sein, steckte neugierig den Kopf
in die Küche.
Hinzelmeier, der das Klirren der Fensterscheiben vernommen hatte, hörte
auf zu singen und ließ seine Augen an den Wänden der Küche umherwandern;
über das Butterfaß und die blanken Käsekessel und über den breiten Rücken
der Alten bis an das offene Schiebefensterchen, wo sie an zwei anderen
jungen Augen hängen blieben.
Das Mädchen wurde ganz rot.--"Er singt schön!" sagte sie endlich.
"Es kam mir nur so", erwiderte Hinzelmeier. "Ich singe sonst gar nicht."
Dann schwiegen beide eine Weile und man hörte nur das Zischen der Pfanne
und das Prasseln der Eierkuchen. "Caspar singt auch schön!" hub das
Mädchen wieder an.
"Freilich wohl!" meinte Hinzelmeier.
"Ja", sagte das Mädchen, "aber so schön wie Er macht er's doch nicht. Wo
hat Er denn das schöne Lied her?"
Hinzelmeier antwortete nicht darauf, sondern trat auf einen umgestürzten
Zuber, der unter dem Schiebefenster stand und sah an dem Mädchen vorbei in
die Kammer. Drinnen war voller Sonnenschein. Auf den roten Fliesen der
Diele lagen die Schatten von Nelken- und Rosenstöcken, welche seitwärts
vor einem Fenster stehen mochten. Plötzlich wurde im Hintergrund der
Kammer eine Tür aufgerissen. Der Frühlingswind brauste herein und riß dem
Mädchen ein blauseidenes Band von der Riegelhaube; dann fahr er durchs
Schiebefenster und trieb seine Beute kreiselnd in der Küche umher.
Hinzelmeier aber warf seinen Hut danach und fing es wie einen Sommervogel.
Das Fenster war ein wenig hoch. Er wollte es dem Mädchen hinauflangen,
sie bückte sich zu ihm heraus; da fahren beide mit den Köpfen aneinander,
daß es krachte. Das Mädchen schrie; die Zinnteller klirrten, Hinzelmeier
wurde ganz konfus.
"Er hat einen gar wackeren Kopf!" sagte das Mädchen und wischte sich mit
ihrer Hand die Tränen von den Wangen. Als aber Hinzelmeier sich das Haar
aus der Stirn strich und ihr herzhaft ins Gesicht schaute, da schlug sie
die Augen nieder und fragte: "Er hat sich doch kein Leid's getan?"
Hinzelmeier lachte. "Nein, Jungfer!" rief er--er wußte selbst nicht, wie
es ihm auf einmal einfallen mußte--"nehm Sie mir's nicht übel, aber Sie
hat gewiß schon einen Schatz?"
Sie setzte die Faust unters Kinn und wollte ihn trotzig ansehen, aber ihre
Augen blieben an den seinen hängen. "Er faselt wohl", sagte sie leise.
Hinzelmeier schüttelte den Kopf; es wurde ganz still zwischen den Beiden.
"Jungfer!" sagte nach einer Weile Hinzelmeier, "ich möchte Ihr das Band in
die Kammer bringen!"
Das Mädchen nickte.
"Wo geht denn aber der Weg?"
Es klang ihm in den Ohren: "Mitunter auch durchs Fenster!"--Das war die
Stimme seiner Mutter. Er sah sie an seinem Bette sitzen; er sah sie
lächeln; es war ihm plötzlich, als stehe er in einem rosenroten Nebel, der
aus dem offenen Schiebefenster in die Küche hereinzog. Er trat wieder auf
den Zuber und legte seine Hände um den Nacken des Mädchens. Da sah er
durch die offene Kammertür in einen Garten, darinnen standen die blühenden
Rosenbüsche wie ein rotes Meer und in der Ferne sangen kristallne
Mädchenstimmen:
"Rinke, ranke, Rosenschein,
Tu dich auf und schließ uns ein!"--
Hinzelmeier drängte das Mädchen sanft in die Kammer zurück und stemmte die
Hände auf das Fensterbrett, um sich mit einem Satz hineinzuschwingen; da
hÖrte er es: "krahira, krahira!" über seinem Kopfe schwirren; und ehe er
sich's versah, ließ der Rabe die grüne Brille aus der Luft und gerade auf
seine Nase fallen. Nur wie im Traume sah er noch das Mädchen die Arme
nach ihm ausstrecken; dann war auf einmal alles vor seinen Augen
verschwunden; aber in weiter Ferne sah er durch die grünen Gläser eine
dunkle Gestalt in einem tiefen Felsenkessel sitzen, welche mit einem
Stemmeisen eifrig in den Grund zu bohren schien.
Ein MeisterschußEin Meisterschuß
"Der sucht den Stein der Weisen!" dachte Hinzelmeier; und seine Wangen
begannen zu brennen; er schritt wacker auf die Erscheinung los; aber es
war weiter, als es durch die Brillengläser aussah; er rief dem Raben, der
mußte mit seinen Flügeln ihm die Schläfe fächeln. Erst nach Stunden hatte
er den Grund der Schlucht erreicht. Nun sah er eine schwarze, rauhe
Gestalt vor sich, die hatte zwei Hörner an der Stirn und einen langen
Schwanz, den ließ sie hinter sich über das Gestein hinabhängen. Bei
Hinzelmeiers Ankunft nahm sie das Stemmeisen zwischen die Zähne und
begrüßte ihn mit dem verbindlichsten Kopfnicken, während sie mit der
Schwanzquaste den Bohrstaub zusammenfegte. Hinzelmeier wurde fast um die
Anrede verlegen, deshalb nickte er jedesmal mit gleicher Verbindlichkeit
wieder, so daß also diese Komplimente von beiden Seiten eine Zeitlang
fortdauerten. Endlich sagte der Andere: "Sie kennen mich wohl nicht?"
"Nein", sagte Hinzelmeier. "Sind Sie vielleicht ein Pumpenmeister?"
"Ja", sagte der Andere, "so etwas ähnliches; ich bin der Teufel."
Das wollte Hinzelmeier nicht glauben; aber der Teufel sah ihn mit zwei
solchen Eulenaugen an, daß er am Ende gründlich überzeugt wurde und ganz
bescheiden sagte: "Dürfte ich mir die Frage erlauben, ob Sie mit diesem
ungeheueren Loche ein physikalisches Experiment beabsichtigen?"
"Kennen Sie die ultima ratio regum?" fragte der Teufel.
"Nein", sagte Hinzelmeier. "Die ratio regum hat nichts mit meiner Kunst
zu schaffen."
Der Teufel kratzte sich mit dem Pferdehuf hinter den Ohren und sagte dann,
einen überlegenen Ton annehmend: "Mein Kind, weißt du, was eine Kanone
ist?"
"Freilich", sagte Hinzelmeier lächelnd; denn das ganze hölzerne Arsenal
aus seiner Knabenzeit sah er plötzlich im Geiste vor sich aufgepflanzt.
Der Teufel klatschte vor Vergnügen mit seinem Schwanze auf den Felsen.
"Drei Pfund Schießpulver, ein Fünkchen Höllenfeuer dazu; dann--!" Hier
steckte er die eine Tatze in das Bohrloch und indem er die andere auf
Hinzelmeiers Schulter legte, sagte er vertraulich: "Die Welt ist
unregierbar geworden. Ich will sie in die Luft sprengen."
"Alle Wetter!" schrie Hinzelmeier, "das ist ja aber eine Radikalkur, eine
wahr Pferdekur!"
"Ja", sagte der Teufel, "ultima ratio regum! versichere Sie, es gehört
eine übermenschlich gute Natur dazu, um so etwas auszuhalten! Aber nun
entschuldigen Sie ein Weilchen; ich muß ein wenig inspizieren." Mit diesen
Worten zog er den Schwanz zwischen die Schenkel und sprang in das Bohrloch
hinab. Da überfiel den Hinzelmeier auf einmal eine ganz übernatürliche
Courage, so daß er bei sich beschloß, den Teufel aus der Welt zu schießen.
Mit fester Hand zog er seine Zunderbüchse aus der Tasche, pinkte Feuer
und warf es in das Bohrloch; dann zählte er: "eins zwei--"; aber er hatte
noch nicht "drei" gezählt, so entlud sich diese grundlose Pistole ihres
Schusses samt ihrer Vorladung. Die Erde machte einen fürchterlichen
Seitensprung durch den Himmel. Hinzelmeier stürzte in die Knie; der
Teufel aber flog wie eine Bombe durch die Luft, von einem Planetensystem
in das andere, wo ihn die Anziehungskraft unseres Weltkörpers nicht mehr
erreichen konnte. Hinzelmeier blickte ihm eine Weile nach; als er aber
immer weiter und weiter flog und gar nicht damit aufhören wollte, so
gingen ihm endlich die Augen über. Sobald daher die Erde sich insoweit
beruhigt hatte, daß mit zwei Beinen wieder auf ihr zu stehen war, sprang
er auf und blickte um sich her. Zu seinen Füßen gähnte ihn der schwarze
ausgebrannte Mörser an; von Zeit zu Zeit quoll eine Wolke braunen Rauchs
heraus und zog sich träge an den Felsen hin. Aber schon brach die Sonne
durch den Dunst und vergoldete überall die Spitzen des Gesteins. Da nahm
Hinzelmeier seine Tabakspfeife aus der Tasche und die blauen Wolken vor
sich hinblasend, rief er triumphierend: "Den Stein des Anstoßes habe ich
aus der Welt geschossen; wohlan! der Stein der Weisen kann mir nicht
entgehen!"
Dann setzte er seine Wanderung fort und Krahirius flog zu seinen Häuptern.
Die RosenjungfrauDie Rosenjungfrau
Aber er wanderte hin und her, kreuz und quer, er wurde müder und müder,
sein Rücken wurde gekrümmt; aber immer fand er doch den Stein der Weisen
nicht. So waren neun Jahre dahingegangen, als er eines Abends in ein
Wirtshaus einkehrte, welches am Eingange einer großen Stadt gelegen war.
Krahirius nahm sich mit der Klaue die Brille herunter und putzte sie an
seinen Flügeln; dann setzte er sie wieder auf und hüpfte in die Küche.
Als die Hausleute ihn sahen, lachten sie über seine Brille, nannten
ihn? Herr Professor? und warfen ihm die fettsten Bissen vor.
"Wenn Ihr der Herr des Vogels seid", sagte der Wirt zu Hinzelmeier, "so
ist nach Euch gefragt worden."
"Freilich bin ich das--" sagte Hinzelmeier.
"Wie heißt Ihr denn?"
"Ich heiße Hinzelmeier."
"Ei, ei", sagte der Wirt, "Ihren Herrn Sohn, den Gemahl der schönen Frau
Abel, den kenne ich recht wohl."
"Das ist mein Vater", sagte Hinzelmeier verdrießlich, "und die schöne Frau
Abel ist meine Mutter."
Da lachten die Leute und sagten, der Herr sei außerordentlich spaßhaft.
Hinzelmeier aber sah vor Zorn in einen blanken Kessel.
Da starrte ihm ein grämliches Angesicht entgegen, voll Runzeln und
Hahnepfötchen und er gewahrte nun wohl, daß er abscheulich alt geworden
sei.
"Ja. ja!" rief er und schüttelte sich, als gelte es aus einem schweren
Traum zu kommen; "wo war es doch? Ich war ja dicht davor." Dann
erkundigte er sich bei dem Wirte, wer nach ihm gefragt habe.
"Es war nur eine arme Dirne", sagte der Wirt, "sie trug ein weißes Kleid
und ging mit nackten Füßen."
"Das war die Rosenjungfrau!" rief Hinzelmeier.
"Ja", antwortete der Wirt, "ein Sträußermädel mag es wohl sein, sie hatte
aber nur noch eine Rose in ihrem Körbchen."
"Wohin ist sie gegangen?" rief Hinzelmeier.
"Wenn Ihr sie sprechen müßt", sagte der Wirt, "so werdet Ihr sie schon in
der Stadt an einer Straßenecke finden können."
Als Hinzelmeier das gehört hatte, schritt er eilig zum Hause hinaus und in
die Stadt hinein; Krahirius, die Brille auf dem Schnabel, flog krächzend
hinterher. Es ging aus einer Straße in die andere und an allen Ecksteinen
standen Blumenmädchen; aber sie trugen plumpe Schnallenschuhe und boten
schreiend ihre Ware feil. Das waren keine Rosenjungfrauen.--Endlich, als
schon die Sonne hinter den Häusern hinab war, gelangte Hinzelmeier an ein
altes Haus, aus dessen offener Tür ein zartes Leuchten auf die dämmerige
Gasse herausdrang. Krahirius warf den Kopf zurück und schlug ängstlich
mit den Flügeln; Hinzelmeier aber achtete dessen nicht und trat über die
Schwelle in einen weiten Hausflur, der ganz von rotem Schimmer erfüllt war.
Tief im Hintergrunde, auf der untersten Stufe einer Wendeltreppe, sah er
ein blasses Mädchen sitzen; in einem Körbchen, das sie auf ihrem Schoße
hielt, lag eine rote Rose, aus deren Kelch das zarte Licht hervorbrach.
Das Mädchen schien ermüdet; denn sie setzte eben die Lippen von einem
irdenen Wasserkruge, der ihr von einem kleinen Knaben mit beiden Händen
vorgehalten wurde. Ein großer Hund, der neben ihr an der Treppe lag und
wie das Kind, hier zu Hause zu gehören schien, legte den Kopf an ihr
weißes Gewand und leckte ihre nackten Füße.--"Das ist sie!" sagte
Hinzelmeier; und seine Schritte wurden unsicher vor Hoffen und Erwarten.
Und als die Jungfrau nun ihr Antlitz gegen ihn erhob, da fiel es ihm wie
Schuppen von den Augen und er erkannte mit einem Mal das Mädchen aus der
Bauernküche; nur trug sie heute nicht das bunte Nfieder und das Rot auf
ihren Wangen war nur der Abglanz von dem Rosenlichte.
"O du!" rief Hinzelmeier, "nun wird noch alles, alles gut!"
Sie streckte die Arme nach ihm aus; sie wollte lächeln, aber die Tränen
sprangen ihr in die Augen. "Wo ist Er denn so lange in der Welt
umhergelaufen?" sagte sie.
Und als er nun in ihre Augen sah, da erschrak er vor lauter Freude; denn
dort stand sein eigenes Bild, aber kein Bild, wie es ihn kurz vorher aus
dem kupfernen Kessel angeglotzt hatte; nein, ein Gesicht, so jung und
frisch und lustig, daß er laut aufjauchzen mußte; er hätte es um alle Welt
nicht lassen können.-Da quoll von der Straße her ein Menschenstrom ins
Haus, schreiend und mit den Händen fechtend. "Hier steht der Herr des
Vogels!" rief ein untersetztes Männlein; dann drangen alle auf Hinzelmeier
ein.
Dieser faßte die Hand des Mädchens und fragte: "Was ist es mit dem Raben?"
"Was es ist?" sagte der Dicke, "dem Herrn Bürgermeister hat er die Perücke
gestohlen!"--"Ja, ja!" riefen Alle, "und nun sitzt es draußen auf der
Dachrinne, das Ungetüm und hat die Perücke in den Klauen und glotzt ihre
Wohlweisheit durch seine grünen Brillengläser an!"
Hinzelmeier wollte reden, aber sie nahmen ihn in ihre Mitte und schoben
ihn gegen die Tür. Mit Schrecken fühlte er die Hand der Rosenjungfrau aus
der seinen gleiten. So kam er auf die Straße.
Droben auf der Dachrinne des Hauses saß noch immer der Rabe und sah mit
seinen schwarzen Augen lauernd auf die aus dem Hause Kommenden hinab.
Plötzlich öffnete er die Klaue; und während die Bürger mit Stöcken und
Schirmen nach der Perücke ihres Bürgermeisters in der Luft umherlangten,
hörte Hinzelmeier es "krahira, krahira!" über seinem Haupte schwirren und
in demselben Augenblicke saß auch die grüne Brille schon auf seiner Nase.
Da war auf einmal die Stadt vor seinen Augen verschwunden; aber durch die
Brillengläser sah er zu seinen Füßen ein grünes Tal mit Meierhöfen und
Dörfern. Sonnenbeschienene Wiesen zogen sich rings umher, auf welchen
barfüßige Dirnen mit blanken Milcheimer durch das Gras schritten, während
in weiterer Entfernung von den Dörfern junge Kerle die Sense schwangen.
Was aber Hinzelmeiers Augen fesselte, war die Gestalt eines Menschen in
rot und weißer Bluse, mit einer spitzen Kappe auf dem Kopfe, welcher
inmitten einer Wiese mit auf den Knien gestutzten Armen in nachdenklicher
Stellung auf einem Steine zu sitzen schien.
Nachbars KasperleNachbars Kasperle
Da dachte Hinzelmeier: "Das ist der Stein der Weisen!" und ging geradewegs
auf ihn zu. Der Mensch aber beharrte in seiner nachdenklichen Stellung,
nur daß er zu Hinzelmeiers Erstaunen seine große Nase wie Gummi elasticum
über das Kinn herabzog.
"Ei, lieber Herr, was treibt Ihr denn da?" rief Hinzelmeier.
"Das weiß ich nicht", sagte der Mann, "aber ich habe da eine verwünschte
Glocke an der Mütze, die mich abscheulich im Denken stört."
"Warum zupft Ihr Euch denn aber so entsetzlich an der Nase?"
Oh", sagte der Mensch und ließ den Nasenzipfel fahren, daß er mit einem
Klapps wieder in seine alte Form zurückschnellte--"da bitte ich um
Entschuldigung; aber ich leide oftmals an Gedanken, denn ich suche den
Stein der Weisen."
"Mein Gott!" sagte Hinzelmeier, "da seid Ihr wohl, gar des Nachbars
Kasperle; der gar nicht wieder nach Haus gekommen ist?"
"Ja", sagte der Mensch und reichte Hinzelmeier die Hand, "der bin ich."
"Und ich bin Nachbars Hinzelmeier", sagte dieser, "und suche auch den
Stein der Weisen."
Hierauf reichten sie sich noch einmal die Hände und kreuzten dabei die
Finger auf eine Weise, woran sie sich gegenseitig als Eingeweihte
erkannten. Dann sagte Kasperle: "Ich suche den Stein der Weisen jetzt
nicht mehr."
"Da reist Ihr vielleicht nach dem Rosengarten?" rief Hinzelmeier.
"Nein", sagte Kasperle, "ich suche den Stein nicht mehr; aber ich habe ihn
bereits gefunden."
Da verstummte Hinzelmeier eine ganze Zeit lang; endlich faltete er
andächtig die Hände und sagte feierlich: "Es mußte schon so kommen, ich
wußte es wohl; denn ich habe vor neun Jahren den Teufel aus der Welt
geschossen."
"Das muß sein Sohn gewesen sein", sagte der Andere, "dem alten Teufel bin
ich noch vorgestern begegnet."
"Nein", sagte Hinzelmeier, "es war der alte Teufel; denn er hatte Hörner
vor der Stirn und einen Schwanz mit schwarzer Quaste. Aber erzählt mir
doch, wie Ihr den Stein gefunden habt.
"Das ist einfach", sagte Kasperle; "dort unten im Dorfe wohnen lauter
dumme Leute, die nur mit Schafen und Rindvieh verkehren; sie wußten nicht,
welchen Schatz sie besaßen; da habe ich ihn in einem alten Keller gefunden
und mit drei Sechslingen das Pfund bezahlt. Und nun denke ich bereits
seit gestern darüber nach, wozu er nütze sei und hätte es vermutlich schon
gefunden, wenn mich die verwünschte Glocke nicht dabei gestört hätte."
"Lieber Herr Kollege!" sagte Hinzelmeier, "das ist eine höchst kritische
Frage, woran vor Euch wohl noch kein Mensch gedacht hat! Aber wo habt Ihr
denn den Stein?"
"Ich sitze darauf", sagte Kasperle und zeigte aufstehend Hinzelmeiern den
runden, wachsgelben Körper, worauf er bisher gesessen hatte.
"Ja", sagte Hinzelmeier, "es ist kein Zweifel, Ihr habt ihn wirklich
gefunden; aber nun laßt uns bedenken, wozu er nütze sei."
Damit setzten sie sich einander gegenüber auf den Boden, indem sie den
Stein zwischen sich nahmen und die Ellenbogen auf ihre Knie stützten.
So saßen und saßen sie; die Sonne ging unter, der Mond ging auf und noch
immer hatten sie nichts gefunden. Mitunter fragte der Eine: "Habt Ihr's"
aber der Andere schüttelte immer mit dem Kopfe und sagte: "Nein, ich nicht;
habt Ihr's?" und dann antwortete der Andere: "Ich auch nicht."
Krahirius ging ganz vergnügt im Grase auf und nieder und fing sich Frösche.
Kasperle zupfte sich schon wieder an seiner schönen, großen Nase; da
ging der Mond unter und die Sonne kam herauf; und Hinzelmeier fragte
wieder: "Habt Ihr's?" und Kasperle schüttelte wieder den Kopf und sagte:
"Nein, ich nicht, habt Ihr's?" und Hinzelmeier antwortete trübselig: "Ich
auch nicht."
Dann dachten sie wieder eine ganze Weile nach; endlich sagte Hinzelmeier:
"So müssen wir erst die Brille polieren, dann werden wir hernach schon
sehen, wozu er nütze sei." Und kaum hatte Hinzelmeier seine Brille
abgenommen, so ließ er sie vor Erstaunen ins Gras fallen und rief: "Ich
hab es! Herr Kollege, man muß ihn essen! Nehmt nur gefälligst die Brille
von Eurer schönen Nase."
Da nahm auch Kasperle die Brille herunter und nachdem er seinen Stein eine
Weile betrachtet hatte, sagte er: "Dieses ist ein sogenannter Lederkäse
und muß mit des Himmels Hilfe gegessen werden. Bedienen Sie sich, Herr
Kollege!"
Und nun zogen beide ihre Messer aus der Tasche und hieben wacker in den
Käse ein. Krahirius kam herbeigeflogen und nachdem er die Brille aus dem
Grase aufgesammelt und über seinen Schnabel geklemmt hatte, setzte er sich
gemächlich zwischen die Essenden und schnappte nach den Rinden.
"Ich weiß nicht", sagte Hinzelmeier, nachdem der Käse verzehrt war, "mir
ist unmaßgeblich zumute, als wäre ich dem Stein der Weisen um ein
Erkleckliches näher gerückt."
"Wertester Herr Kollege", erwiderte Kasperle, "Ihr sprecht mir aus der
Seele. So laßt uns denn ungesäumt unsere Wanderung fortsetzen."
Nach diesen Worten umarmten sie sich; Kasperle ging nach Westen,
Hinzelmeier nach Osten und zu seinen Häupten, die Brille auf dem Schnabel,
flog Krahirius.
Der Stein der WeisenDer Stein der Weisen
Aber er wanderte hin und her, kreuz und quer, sein Haar ergraute, seine
Beine wurden wankend; am Stabe ging er von Land zu Land und immer fand er
doch den Stein der Weisen nicht. So waren noch einmal neun Jahre
vergangen, als er eines Abends, wie er es jeden Abend zu tun pflegte, in
ein Wirtshaus trat. Krahirius putzte wie gewöhnlich seine Brille und
hüpfte dann in die Küche um sich sein Abendbrot zu betteln. Hinzelmeier
trat in die Stube und lehnte seinen Stab in die Kachelofenecke; dann
setzte er sich still und müde in den großen Lehnstuhl. Der Wirt stellte
einen Krug Wein vor ihn hin und sagte freundlich: "Ihr scheint müde,
lieber Herr; trinket nur, das wird Euch stärken!"
"Ja", sagte Hinzelmeier und faßte den Krug mit beiden Händen, "sehr müde;
ich bin lange gewandert, sehr lange." Dann schloß er die Augen und tat
einen durstigen Zug aus dem Weinkruge.
"Wenn Ihr der Herr des Vogels seid, so glaube ich fast, es ist nach Euch
gefragt worden", sagte der Wirt. "Wie heißt Ihr denn, lieber Herr?"
"Ich heiße Hinzelmeier."
"Nun", sagte der Wirt, "Euren Enkel, den Gemahl der schönen Frau Abel, den
kenne ich recht wohl."
"Das ist mein Vater", sagte Hinzelmeier, "und die schöne Frau Abel ist
meine Mutter."
Der Wirt zuckte mit den Achseln und indem er sich nach seiner Schenke
wandte, sagte er bei sich selber: "Der arme alte Mann ist kindisch
geworden."
Hinzelmeier ließ den Kopf auf seine Brust sinken und erkundigte sich, wer
nach ihm gefragt habe.
"Es war nur eine arme Dirne", sagte der Wirt, "sie trug ein weißes Kleid
und ging mit nackten Füßen." Da lächelte Hinzelmeier und sagte leise: "Das
war die Rosenjungfrau, nun wird es bald besser werden. Wohin ist sie
gegangen?"
"Es schien ein Blumenmädchen zu sein", sagte der Wirt, "wenn Ihr sie
sprechen wollt, Ihr werdet sie leicht an den Straßenecken finden können."
"Ich muß ein Weilchen schlafen", sagte Hinzelmeier, "gebt mir eine Kammer
und wenn der Hahn kräht, dann klopft an meine Tür."
Nun gab der Wirt ihm eine Kammer und Hinzelmeier legte sich zur Ruhe. Er
träumte von seiner schönen Mutter; er lächelte, sie sprach im Traum zu ihm.
Da flog Krahirius durch das offene Fenster und setzte sich zu seinen
Häupten auf das Bett. Er sträubte seine schwarzen Federn und hackte mit
seiner Klaue sich die Brille von dem Schnabel. Dann stand er unbeweglich
auf einem Bein und sah auf den Schlafenden hinunter. Der träumte weiter
und seine schöne Mutter sprach zu ihm: "Vergiß die Rose nicht!" Der
Schlafende nickte leise mit dem Kopfe; der Rabe aber öffnete die Klaue und
ließ die Brille auf seine Nase fallen.
Da verwandelten sich seine Träume; seine eingefallenen Wangen begannen zu
zucken, er streckte sich lang aus und stöhnte.--So kam die Nacht.
Als im Zwielicht der Hahn gekräht hatte, klopfte der Wirt an die Kammertür;
Krahirius reckte die Flügel und zupfte seinen Federbalg zurecht; dann
schrie er "krahira! krahira!" Hinzelmeier richtete sich mühsam auf und
starrte um sich her; da sah er durch die Brille, die noch auf seiner Nase
saß, zur Kammertür hinaus, über ein weites, ödes Feld; dann weiterhin auf
einen mählich ansteigenden Hügel; auf diesem, unter dem Rumpfe einer alten
Weide, lag ein grauer, flacher Stein; die Gegend war einsam, kein Mensch
zu sehen.
"Das ist der Stein der Weisen!" sagte Hinzelmeier zu sich selber.
"Endlich, endlich wird er dennoch mein werden!"
Hastig warf er seine Kleider über, nahm Stab und Ranzen und schritt zur
Tür hinaus. Krahirius flog zu seinen Häupten, knappte mit dem Schnabel
und schlug beim Fliegen Purzelbäume in der Luft. So wanderten sie viele
Stunden. Endlich schienen sie ihrem Ziele näher zu kommen; aber
Hinzelmeier war ermüdet, seine Brust keuchte, der Schweiß troff von seinen
weißen Haaren; er stand still und stützte sich auf seinen Stab. Da kam
aus der Ferne, hinter ihm, ganz aus der Ferne, fast wie ein Traum, ein
Gesang zu ihm herüber:
Rinke, ranke, Rosenschein,
Laß ihn nicht allein, allein!
Halt ihn fest und hol ihn ein,
Rinke, ranke, Rosenschein.
Das spann sich wie ein goldenes Netz um ihn her; er ließ den Kopf auf
seine Brust sinken; aber Krahirius schrie: "krahira! krahira!" da war das
Lied verschollen und als Hinzelmeier die Augen wieder aufschlug, stand er
am Fuße des Hügels.
"Nur eine kleine Weile noch", sagte er zu sich selber und ließ noch einmal
seine müden Füße wandern. Als er aber den großen, breiten Stein
allmählich in der Nähe sah, da dachte er: "Den wirst du nimmer heben."
Endlich hatten sie die Höhe erreicht, Krahirius flog voran mit
ausgebreiteten Schwingen und ließ sich auf den Baumstamm nieder;
Hinzelmeier wankte zitternd hinterher. Als er aber den Baum erreicht
hatte, brach er zusammen, der Wanderstab glatt aus seiner Hand, sein Kopf
sank auf den Stein zurück; doch in demselben Augenblick fiel auch die
Brille von seiner Nase. Da sah er tief am Horizonte, am Rande der öden
Ebene, die er durchwandert hatte, die weiße Gestalt der Rosenjungfrau; und
noch einmal hörte er aus weiter Ferne:
Rinke--ranke--Rosenschein.
Er wollte aufstehen, aber er vermochte es nicht mehr; er streckte seine
Arme aus, aber ein Frösteln lief über seine Glieder; der Himmel wurde grau
und grauer, der Schnee fing an zu fallen, Flocke um Flocke, es schimmerte
und flirrte und zog weiße Schleier zwischen ihm und der fernen,
nebelhaften Gestalt. Er ließ die Arme fallen, seine Augen sanken ein,
sein Atem hörte auf. Auf dem Weidenstumpf zu seinen Häupten steckte der
Rabe den Schnabel zum Schlaf in seine Flügeldecken.--Der Schnee fiel über
sie beide.
Die Nacht kam und nach der Nacht kam der Morgen und mit dem Morgen kam die
Sonne, die schmolz den Schnee hinweg und mit der Sonne kam die
Rosenjungfrau; die löste ihre Flechten und kniete neben dem Toten, daß die
blonden Haare sein bleiches Antlitz ganz bedeckten und weinte, bis der Tag
verging. Als aber die Sonne erlosch, gurrte der Rabe im Schlaf und
rauschte mit den Federn. Da richtete die zarte Gestalt der Jungfrau sich
vom Boden auf, mit ihrer weißen Hand ergriff sie den Raben bei den Flügeln
und schleuderte ihn in die Luft, daß er krächzend in den grauen Himmel
hineinflog, sie pflanzte die rote Rose an den Stein und sang dazu:
"Nun streck die Würzlein tief hinab,
Nun wirf die Blättlein übers Grab,
Und singt der Wind im Abendschein,
Dann sprich auch du ein Wort darein,
Mit rinke, ranke, Rosenschein!"
Dann zerriß sie ihr weißes Kleid vom Saum bis an den Gürtel und ging zu
ewiger Gefangenschaft in den Rosengarten zurück.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hinzelmeier, von Theodor Storm.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HINZELMEIER: EINE NACHDENKLICHE GESCHICHTE ***
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Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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